Warum Grün?

Liebe zur Kontroverse und Grüne Treue: ein Bekenntnis

 

Wer kennt sie noch, die Bücher, die in den siebziger Jahren viele Menschen aufschreckten: Der Club of Rome mit den „Grenzen des Wachstums“, „Ein Planet wird geplündert“ des CDU Abgeordneten Herbert Gruhl, Rachel L. Carsons „Der stumme Frühling“ oder „Haben oder Sein“ von Erich Fromm?

Das Wunder von Bern hatte dem Nachkriegsdeutschland-West in den fünfziger Jahren zu neuem Selbstbewusstsein verholfen, das Wirtschaftswunder Ludwig Erhards begann Ende der sechziger Jahre zu straucheln, der Muff der fünfziger Jahre unter den Talaren war gelüftet und Willy Brandts „Mehr Demokratie wagen“ in Berufsverboten und an der RAF erstickt. Während die USA mit Helmut Schmidt das alte Europa mittels Pershings atomar ankoppeln wollten, besann sich eine zunehmend größere Zahl von Menschen auf die Frage nach der Zukunft unseres Planeten und damit der Menschheit.

Wirtschaftswunder, RAF, Pershings: Die BRD im spannungsvollen Wandel

Die sorglose Ausrichtung der Industriegesellschaften-West nach der Marktwirtschaft und der Industriegesellschaften-Ost nach der Planwirtschaft hatten eines gemeinsam: Niemand hatte bedacht, dass auch Ölvorräte endlich sind, dass Luft, Wasser und Boden schützenswerte Ressourcen sind, deren gewissenlose Plünderung die Menschheit würde teuer bezahlen müssen. Die Nutzung der Atomkraft war begonnen worden, ohne dass es auch nur eine belastbare Idee gab, wo die Abfälle verbleiben sollen, die noch zehntausende von Jahren strahlen würden.

Der Ost- und der Westblock standen sich bis an die Zähne gerüstet gegenüber und trieben in immer neuen Umdrehungen die Rüstungsspirale aufwärts. Die Ausbreitung von Atom- und Wasserstoffbomben besaß die Potenz, die gesamte Menschheit mit einem Schlag zu vernichten.

West- wie Ostindustrie übten sich in sorgenloser Ausbeutung der Ressourcen.

Noch weigerte sich die Politik, die drängende ökologische Frage auf die Tagesordnung zu setzen. Noch war die Technikgläubigkeit der politischen Klassen ungebrochen, noch schien der Fortschritt ein „immer mehr“ zu bedeuten.

Diese scheinbaren Gewissheiten aber bekamen Risse. In Whyl waren es die Weinbauern, die mit der Ablehnung eines Atomkraftwerkes vor ihren Weinbergen auf die Frage nach Alternativen in der Energieversorgung stießen. In Boxberg waren es die Bauern vor Ort, die sich gegen den Bau einer großen Test-Strecke von Daimler-Benz zur Wehr setzten und zugleich die Industrialisierung der Landwirtschaft mit dem Einsatz von immer mehr Energie und Chemie in Frage stellten.

Zurückgegriffen werden konnte dabei auch auf eine Bewegung der zwanziger Jahre, den biologisch-dynamischen Landbau von Rudolf Steiner, und damit einer geistigen Bewegung, die sich - auf den Spuren von Goethe - einer materialistisch dominierten Gesellschaft immer schon entzogen hatte.

Die Anwohner des Flughafens in Frankfurt wurden mit der Nase darauf gestoßen, dass immer mehr Luftverkehr, auch immer größere und belastendere Flughäfen bedeutet.

Die Scheinbaren Gewissheiten bekamen Risse: Widerstand in Whyl, Boxberg und Frankfurt a. M.

Mancher Autofanatiker wurde von dem Trassenbau durch Land und Stadt eingeholt, wenn sich der Asphalt und der Lärm dem eigenen Haus näherten. Damit war die Debatte um die Zukunft der Mobilität - wer sich wohin mit welchen Verkehrsmitteln bewegt - eröffnet. Dem Credo „Immer schneller, weiter, höher“ stellte sich ein neues Motto entgegen: Small is beautiful – in der Beschränkung kann auch ein Gewinn liegen.

Das alles waren und sind die geistigen Wurzeln der GRÜNEN.

Dazu die Frauen: selbstbewusster und deutlicher forderten sie die Hälfte des Himmels - Fifty-Fifty für beide Geschlechter: Kinder, Küche, Arbeitsplatz, Einkommen, mal oben und mal unten sein!

Aus den unterschiedlichsten Bewegungen werden die Grünen geboren

Und natürlich die Pazifisten und Nachrüstungsgegner, die sich dem Wahnsinn der atomaren Aufrüstung entgegenstellten. Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt: Noch immer trifft dieser Slogan das geistige Herz der GRÜNEN. Bedenkt die Gesetze der Natur, die Endlichkeit der Ressourcen, die Rechte der Nachkommen, und über alledem, bedenkt, dass Leben nicht nur aus Haben besteht.

Eine christlich-humanistische Prägung in Familie und kirchlicher Jugendarbeit führte eine junge Frau wie mich fast zwangsläufig zu einer Partei, die ihrem Wesen nach einen weit reichenden philosophischen und moralischen Anspruch stellte.

Manches davon ist in den zwanzig Jahren seit der Gründung der Grünen auf der Strecke geblieben. Manches davon ist von den Realitäten einer Welt zurechtgestutzt worden, die sich nicht allein nach den Gesetzen der Grünen entwickeln will. Manches ist auch von uns selbst beschädigt worden, durch manche Dummheit und Übermut. Der Kompass allerdings sind diese Ursprünge immer noch.

Und deshalb geht es mir wie wohl jedem homo politicus mit seiner Partei: Immer wieder leide ich an ihnen, den Grünen, und gleichzeitig liebe ich sie.

Quelle: http://www.marieluisebeck.de | © marieluise beck 2009